
Junge Menschen im elterlichen Zuhause: Von der seltenen Ausnahme zur neuen Norm in Italien
Die durchschnittliche Auszugszeit aus dem Elternhaus steigt in Italien rapide an. Während es früher als üblich galt, vor dem 30. Lebensjahr selbstständig zu leben, ist es heute sozial akzeptiert, bei den Eltern zu wohnen.
Gemäß Eurostat liegt das durchschnittliche Auszugsalter in Italien bei über 30 Jahren – eines der höchsten in der Europäischen Union. Die Ursachen liegen weniger in der Mentalität als vielmehr in der harten wirtschaftlichen Realität: hohe Mietkosten, Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt und Schwierigkeiten bei der Kreditaufnahme.
Wirtschaftlicher Hintergrund: Finanzielle Unabhängigkeit verzögert sich
Die späte Ablösung von der Familie resultiert aus tiefgreifenden wirtschaftlichen Faktoren:
- Verzögerter Berufseinstieg und später feste Anstellung;
- Vorherrschaft befristeter und kurzfristiger Verträge;
- Geringe Einstiegsgehälter für junge Erwerbstätige;
- Hohe Lebenshaltungskosten in Metropolen.
Daten des Istat bestätigen, dass die heutige Generation deutlich später als in den 1990er Jahren eine dauerhafte Anstellung findet. Das Fehlen eines unbefristeten Arbeitsvertrags macht es praktisch unmöglich, eine Wohnung zu mieten oder eine Hypothek zu erhalten.
Hohe Mietkosten als Hauptbarriere
Die exorbitanten Mietpreise halten junge Menschen im elterlichen Zuhause fest.
Die Hauptprobleme des Wohnungsmarktes in Italien:
- Akuter Mangel an erschwinglichen Wohnungen in Metropolen;
- Übermäßige Nachfrage nach Wohnraum;
- Konkurrenz mit dem touristischen Kurzzeitvermietungssektor;
- Hohe Kautionen (2-3 Monatsmieten plus Maklerprovision).
Wohnungspreise: Ist der Kauf einer eigenen Wohnung wirklich möglich?
Gemäß dem Preisindex "idealista" lag der durchschnittliche Quadratmeterpreis in Italien im Juli bei. Der Preis sank monatlich um 1,1 % (auf 2.030 Euro/m²), jedoch betrug das jährliche Wachstum +3,1 %. Die größte Herausforderung liegt im Verhältnis von Preisen zu Einkommen. Um eine Erstwohnung zu erwerben, benötigen junge Menschen sofort beträchtliches Kapital: Anzahlung für eine Hypothek (üblicherweise ab 20 %), Notargebühren und Steuern. Daher erfolgt der Großteil der Immobilienkäufe von Personen unter 35 Jahren unter direkter finanzieller Unterstützung ihrer Eltern. Geänderte Prioritäten: Millennials und Generation Z. Der Generationswechsel hat neue Verhaltensweisen hervorgebracht. Millennials und die Generation Z verfolgen ihre Lebensziele anders. Der Kauf einer eigenen Immobilie hat für sie nicht mehr höchste Priorität. Viele investieren lieber in Bildung, Reisen und internationale Mobilität.
Auch die Wohnpräferenzen haben sich geändert – die Nachfrage ist gestiegen nach:
- Geräumigen Wohnungen außerhalb der Stadtzentren;
- Terrassen, Balkonen und Grünflächen;
- Stadtvierteln mit guter Verkehrsanbindung und bezahlbarem Wohnraum.
Ein Systemproblem oder eine erzwungene Anpassung?
Für manche wird das erzwungene Wohnen bei den Eltern zu einem bewussten strategischen Schritt, um Startkapital zu sammeln, während es für andere eine unvermeidbare Realität darstellt und die strukturellen Probleme der italienischen Wirtschaft und des Arbeitsmarktes widerspiegelt.